Casa dell´ Arte
Casa dell´ Arte

                 Wie entsteht eine Skulptur

 

 

Wie eine Skulptur von Rolf Horn entsteht am Beispiel

 

Der ewige Kampf zwischen Moral und Ethik

50 x 50 x 160 cm

 

Diese Skulptur ist die wohl ungewöhnlichste all meiner Skulpturen. Das liegt hauptsächlich an dem Thema, das ich versucht habe dem knorrigen, eigenwilligen und doch so schönen Olivenholz abzuringen. Wenden wir uns zuerst einmal dem Material, dem Olivenholz zu.

 

Marmor oder Olivenholz

Nichts gegen die großen und berühmten Bildhauer, die ihre wunderbaren Skulpturen aus dem weißen Marmor aus Carrara schlagen. Wir wissen vom großen Michelangelo, dass er Monate in den Marmorbrüchen den perfekten Stein für seine Pieta gesucht und gefunden hat. Nachdem er ihn gefunden hat musste er – wie er selber sagte – die Figur aus dem Marmor befreien. Das war schon schwer genug, doch der Marmor ist ein viel willigeres Material als ein mehrere hundert Jahre alter Olivenbaumstamm. Da macht der Künstler seine Skizze oder er fertigt vorher ein kleines Modell an und schlägt dann behutsam Stück für Stück sein Kunstwerk aus dem willigen Marmor. Das alles ist bei einem alten Olivenbaum nicht möglich. Er wächst nicht gerade wie eine Linde oder Lerche sondern krumm und knorrig. Jeder Baum hat seine eigene Persönlichkeit, keiner gleicht dem anderen.

 

Olivenholz

Nicht zuletzt wegen meinem genialen Vorbild Michelangelo bin ich in die Toskana ausgewandert, wo ich seit 25 Jahren in einem alten Rustiko inmitten eines Olivenhaines mit 5oo Bäumen lebe. 1985 brach eine große Kälte ein, die dafür sorgte dass zwei Drittel aller Olivenbäume erfror. Aus den abgeschnittenen und gut gelagerten Baumstümpfen schnitze ich meine Skulpturen. Ein Olivenbaum stirbt von innen heraus. Mag er von außen auch noch so perfekt aussehen, so kann er im Innern morsch, hohl und ausgetrocknet sein. Das merke ich als Schnitzer erst wenn es zu spät ist und all die Mühe war umsonst.

 

Idee und Umsetzung

In vielen Nächten träumte ich von einer Skulptur, die mir hilft eines meiner Probleme zu lösen.

In meinem langen Leben konnten mich die Moral von Religionen, Kirchen und Sekten nicht voran bringen und erst die Aufklärung versprach mir Hoffnung. So lernte ich die Ethik kennen.

Doch wie soll ich dieses Problem aus dem geliebten Olivenholz heraus schnitzen? Da kann ich mich auf meine Musen voll verlassen. Sie besuchten mich, sie machten mir Vorschläge und irgendwann stand die Skulptur fertig vor mir. Ich machte einen Entwurf, wohl wissend, dass am Ende etwas völlig anderes herauskommt.

 

Im Frühjahr 2017 öffnete ich meine kleine Werkstatt. Ich suchte und fand unter meinen alten knorrigen Baumstämmen genau den Richtigen. Zuerst schlug ich mir mit dem Beil die Silhouette grob aus dem Holz. Dann half mir die Kettensäge. Zuerst wurde der Baumstamm unten plan gesägt, damit die Skulptur später gerade stehen kann und nicht umfällt. Das dauerte mehrere Wochen. Dann holte ich mir die groben Stemmeisen und schlug mir die Skulptur zurecht. Das ist eine Arbeit wo man mit Kraft, wohl dosierter Wut und gelinden Zorn wie ein Berserker auf das arme Holz einschlägt. Dabei mache ich Fehler, die ich auch teilweise mit meinem Blut bezahlen muss und manches wichtige Stück Holz geht dabei verloren, was bedeutet, dass mein ursprünglicher Entwurf für die Katz ist. Also einen neuen Entwurf gemäß den neuen Realitäten anfertigen. Aufgrund jahrelanger Erfahrung nehme ich das mittlerweile gelassen hin. Dieser Prozess dauert wieder Wochen.

 

 

Was nun kommt ist die reinste Freude.

Zuerst schnitze ich noch relativ grob die Ausmaße der Figur. Ich fange an mit dem alles entscheidenden moralischen Zeigefinger. Der soll überdimensional groß sein, denn er ist der Schlüssel. Dann lasse ich Platz für die Vertreter der Religionen. Vorne soll der Papst und auf der Rückseite das Oberhaupt der Muslime für die Einhaltung ihrer Moral sorgen.

Dann arbeite ich das Kreuz heraus. Es soll zugleich das Schwert des jüngsten Gerichtes sein, es soll ebenfalls den Teufel besiegen und weiterhin soll es das Kreuz sein, welches die Waage der Gerechtigkeit hält. Ich weiß, dass ich von dem Kreuz viel verlange, dementsprechend ist Vorsicht angebracht. Die Waagschalen meiner ethischen Gerechtigkeit sollen sich leicht im Winde bewegen, für Halt sollen die Hörner und der Schwanz meines Teufels dienen. Der Schwanz soll kräftig und grazil zugleich sein, denn aus ihm erwachsen unzählige wunderbare Schlangen. Ich liebe Schlangen. Ohne sie keine Erkenntnis ( Eva und die Schlange ) keine Medizin ( Asklepios und seine Natter). Eine aufgerichtete Schlange bedeutet Ichkraft ( Selbstbewusstsein)!

Den Teufel werde ich mit großer Leidenschaft schnitzen. War er nicht auch Gottes Lieblingsengel? Laut Bibel ist er einer der Söhne Gottes. Also Ehre, wem Ehre gebührt.

 

Mittlerweile sind Monate ins Land gegangen. Es ist Sommer geworden und ich freue mich auf das feine Schnitzen. Die Gesichter wachsen aus dem Holz. Da oben, bei den herzlosen Kirchenfürsten zwei verliebte Schlangen, da unten der sich im Schmerz windende Teufel. Dort der Papst, der vor Wichtigkeit unter dem Gewicht der Tiara nichts mehr sieht und hört. Ich betrachte mein Werk und beginne es langsam zu mögen.

 

Was nun kommt ist ein Akt der Liebe und der Besessenheit.

Ich werde nun mehrere Wochen, ja gar Monate nicht anderes tun als die Figur schleifen und polieren. Am Ende wird die Oberfläche des Holzes sanft wie die Haut eines Babys sein. Schon bevor ich beginne weiß ich, dass ich noch ein halbes Jahr nach Ende der Prozedur Muskelschmerzen und die eine oder andere Sehnenscheidenentzündung haben werde, die ich erst im Winter mit einer Kur in der Grotta Giusti heilen kann. Zuerst wird noch die feine Feile benutzt, dann wird grobes, dann mittelgrobes und zum Schluss feinstes Sandpapier benutzt. Dabei gehen mehrere Lederhandschuhe und die Haut der Finger kaputt.

Und trotzdem ist es reinste Meditation. Wenn ich so die grimmigen Sektenführer bearbeite denke ich, wie schön es doch wäre, wenn diese Kirchen endlich mal wieder das tun, wozu sie einst erfunden wurden. Sich um uns Menschen kümmern. Während ich so schmirgele sehe ich die Religionskriege, die Inquisitionen, die Borgia. Die Reformation, die Toten. Das Segnen von Waffen. Beim Bearbeiten des Kreuzes denke ich an Jesus, an den Urlaub in Israel. Ich war auf dem Hügel wo er einst die Bergpredigt gehalten haben soll. Ob das alles wahr ist, weiß ich nicht. Auf jeden Fall ein schönes Märchen aus Tausend und einer Nacht.

Der Teufel ist eine echte Herausforderung, denn er soll als Vertreter des Bösen nur bestraft werden. Nicht getötet werden! Man kann das Böse nicht töten, ist es doch ein Teil der menschlichen Natur. Auf der Rückseite habe ich vorsichtshalber einen grinsenden kleinen Teufelssohn verewigt.

 

Nach über 6 Monaten ist die rohe Skulptur fertig.

Ich nehme nun unser Olio Extravergine – Prima Sprematura, also selbst gewonnenes feinstes Olivenöl aus unserem Olivenhain und pinsele meine Skulptur mit viel Liebe ein.

Das Ergebnis ist überwältigend. Es ist so als ob das blasse Naturholz nur darauf gewartet habe.

Explosionsartig verändert sich das Antlitz der Skulptur. Sie beginnt zu leben. Die unglaublich feine, ziselierte Maserung des Holzes tritt zu Tage. Da sieht man nun schimmerndes Weiß, dann braune Färbungen bis hin zum tiefen Schwarz. Holz, Olivenöl, Metaphysik, Moral und Ethik beginnen ihren eigenen Tanz. Ich durfte totes Holz zum Leben erwecken.

 

Ich selbst bin sprachlos vor Glück.

 

 

 

 

 

Druckversion Druckversion | Sitemap
© Casadellarte